2. Juli 2018 Chris

LNDN Pt.1

He came into London by Tottenham-court road, Rather than chance than by Whim: And there he saw Brother the Prophet, And Brother the Prophet saw him. 
— Samuel Taylor Coleridge

Er hatte das, fälschlicher Weise auf dem Vorplatz aufgestellte „We’re open & you’re welcome“ Schild entfernt und verschwand durch den Mittelgang ins Gewölbe der St. Leonard Church. Schroedinger, der schwarze Kirchenkater mit den weissen Socken folgte ihm geräuschlos. Wir wandten uns ab, warfen ein paar Münzen in die kleine Box neben der Tür und verließen den heiligen Boden in dessen unmittelbarer Nachbarschaft die ersten Stücke eines gewissen William Shakespeare im „The Theatre“ uraufgeführt worden waren.

In jenem Augenblick, in dem man aus einer Kirche heraustritt, kehren der Krach und die Hektik der Welt wie verzögert in die Wahrnehmung zurück. Als würde jemand ganz behutsam die Musik wieder aufdrehen. Das Grundrauschen der Zivilisation.

Es ist etwa 13.00 Uhr. Zeit für ein Bier. Ein Pint. Der Pub an der Ecke kommt also gelegen.
Das Ganze läuft dann in etwa so:

Pub betreten.
An einen Tisch.
Bartender ruft.
Bestellen (zwei Lager).
Hinsetzen.
Bartender ruft.
Aufstehen.
Pints holen.
10 Pfund zahlen (9 plus Trinkgeld).
Pub verlassen.
Pints auf das Fensterbrett stellen.
Rauchen.

Dieser Vorgang beansprucht in der Regel keine zwei Minuten, denn hier interessiert sich niemand für eine Schaumkrone. Das Glas ist voll. Niemand würde es wagen, die letzten 5cm des Glases mit bitteren, weißen Bläschen zu beschmutzen.

Es ist Mitte November. Knapp 150 Tage nachdem mehrere zehntausend Rentner darüber abgestimmt haben, dass es sicherer ist, die EU zu verlassen, damit ihnen die Immigranten nicht den Job wegnehmen.
Das britische Pfund hat sein historisches Tief pünktlich zur Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten wieder verlassen.
Das Wetter ist aussergewöhnlich mild…

Ich kann nichts darüber sagen, ob Shoreditch im East End gerade der hippste Teil der Stadt ist, aber während in Bethnal Green die individuellen Kaffee Buden erst langsam an die Stelle von KFZ Werkstätten (neben weiteren KFZ Werkstätten) und indischen Brautmode-Läden rücken, bekommt man hier einen Fatfree Soy Latte an jeder Ecke. Wenn einem der Sinn danach steht.

Tatsächlich habe ich den besten Kaffee der Stadt (nicht fatfree, nicht soy) in einem Laden namens Rebel Alliance Motorbikes getrunken, ein paar hundert Meter vom Boxpark entfernt. Gleichermaßen vollmundig, wie auch ein hoch konzentriertes Antidot gegen den Kater.

Die Pints sind leer. Schon wieder. Dies wäre ein idealer Moment um über ein spätes Frühstück nachzudenken. Stattdessen gehen wir einfach weiter. Als wäre ein konkretes Ziel eine Beleidigung für all die, uns bisher noch unbekannten Möglichkeiten.
Man kann in London nicht über die Strasse gehen, ohne ein Stellenangebot zu bekommen und wir bereiten uns mental darauf vor, innerhalb der nächsten zwei Tage unser Shuttle vom Flughafen abzubestellen, eine Wohnung zu finden, und das, was wir noch brauchen könnten, einfliegen zu lassen.
Im Fenster eines jeden dritten Pubs, Coffeeshops, Delis, Restaurants oder Detailstores hängen in prominenten Lettern Schilder mit der Aufschrift WE’RE HIRING. 

Gerade gehen wir noch an dem Laden vorbei, in dem Boy George seine Hüte zu kaufen pflegt, da spricht uns ein junger Mann mit Klemmbrett an, und versucht uns ein Casting für einen Management Job in einem Flagshipstore einer international agierenden Marke schmackhaft zu machen.

Aber wir hatten ja noch nicht mal gefrühstückt.

Dieser Artikel ist in seiner Rohfassung auf medium.com veröffentlicht worden und wurde für diesen Blog behutsam editiert.
Sämtliche Fotos hat der beeindruckende Michael Schwettmann gemacht, mit dem ich das Vergnügen hatte, ein paar Tage im Herbst 2016 in London verbringen zu dürfen.

www.michaelschwettmann.de

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