21. November 2017 Chris

Milchmädchen & Ernüchterung

Ein Freund von mir ist Tontechniker und kam gerade von einer 14tägigen Tour durch das ganze Land zurück. Hat eben noch seine Wäsche gewaschen, da treffen wir uns auf einen Kaffee. Man hat sich lange nicht gesehen.
Das Geschäft läuft gut. 14 Tage Tour, bezahlte Hotels, plus Spesen… er ist ziemlich erschöpft, aber dennoch geradezu euphorisch. Für die nächste Tour hat er bereits eine Anfrage im Email Eingang. Ein neues Auto wird in Erwägung gezogen. Und womöglich nächstes Jahr eine Eigentumswohnung. Denn bis dahin wird es wahrscheinlich noch besser laufen.
Und natürlich muss ich ihm ungebremst in die Parade fahren und wir trennen uns ziemlich mies gelaunt. Beide, er und ich, waren irgendwie sauer auf mich…

100.000€! Das sollte doch möglich sein. Pro Jahr. Netto. In naher Zukunft.
Auf meine Frage, wie er diesen Betrag erwirtschaften wollte, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen, garniert mit einem wissenden Grinsen:
„Harte Arbeit.“
„So wie bisher?“
„So wie bisher.“
„Einfach weitermachen?“
„Genau. Einfach weitermachen.“

Es gibt Momente, in denen es angebracht ist, Bedenken zu äussern. Vielleicht war das hier Keiner. Das nachfolgende Rechenbeispiel hat quasi umgehend zu einer merklich abgekühlten Stimmung geführt…

Tontechniker arbeiten in der Regel für einen, im Vorfeld definierten Tagessatz. Das bedeutet nicht, dass sie 24 Stunden zur Verfügung stehen, sondern eine gewisse Maximalanzahl von Stunden zur Abwicklung des Jobs bereithalten. Das können 8 oder 10 Stunden sein, ist aber immer Verhandlungssache. In diesem konkreten Fall sprechen wir von

280€

Als zweite Variable ziehen wir die jeweiligen Jobs heran. Geht man von 265 Arbeitstagen pro Jahr, also im Wesentlichen einer 5-Tage-Woche ohne Urlaub, Feiertage oder Krankheitsausfall aus, kann man reinen Gewissens von einer aussergewöhnlich guten Auslastung weit über der Norm sprechen.

280€ x 265

Ohne zu sehr ins Details gehen zu wollen, gibt es definitiv einen Faktor, der in dieser Rechnung nicht fehlen darf. Den Fiskus. Grob über den Daumen gepeilt entfallen etwa ein Drittel vom Netto-Gewinn an die Steuer, womit unsere Rechnung zu ihrem ernüchternden Ende kommt

(280€ x 265) x 0,666 = 49417,20€

Das Ganze ist reichlich abstrakt gehalten, da die verschiedenen Sätze und Zahlen natürlich je nach Branche variieren, jeder Mensch andere Fixkosten hat usw. aber am Ende des Tages gibt es nur zwei Variablen, welche in dieser Rechnung theoretisch geändert werden können.
Der Preis und die Anzahl der Jobs.
Allerdings wurde mit 265 schon eine wirklich beeindruckend hohe Frequenz vorgelegt und selbst wenn es mehr werden sollte, stellt sich die Frage, wie lange man ein solches Pensum durchzuhalten in der Lage ist.
Gleichzeitig wirkt sich ein spontan erhöhtes Honorar nicht unbedingt positiv auf die Anzahl der gebuchten Jobs aus. Es ist ein Teufelskreis, der einen wesentlichen Umstand deutlich macht.

Ohne fundamentale Umstrukturierungen ist die Arbeit eines Freelancers nicht skalierbar.

Man kann nur X Stunden an X Tagen pro Jahr arbeiten, ohne auseinander zu brechen.
Man kann nur einen Betrag von X verlangen, ohne vollkommen aus dem Raster zu fallen.
Und es kommt der Punkt, an dem diese Grenzen erreicht sind. An dem auch detaillierte Justierungen und Optimierungen ausgereizt sind.

Und dann kann man zufrieden sein. Und zwar aus gutem Grund. Denn, auch wenn das alles hier etwas desillusionierend rüberkommt, dann hat man jobseitig alles, was man für ein erfülltes Leben braucht.
Man kann sich aber auch was einfallen lassen.
Investieren, Spekulieren, ein zweites Einkommen generieren, ein zweites Business aufbauen oder aber seine gegenwärtige Profession professionalisieren, was normalerweise mit Firmengründung zu tun hat. Vielleicht mit der Beschäftigung von Freelancern.
Ich möchte nicht so vermessen sein, hier irgendeine die Optionen hervorzuheben, denn hier sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.


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